irisches tagebuch – band 1

Von: Daniel Röhe [daniel@roehe.de]
Gesendet: Freitag, 23. August 2002 01:27
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Betreff: Irisches Tagebuch

Hallo Ihr lieben Alle,

hier mal ein kleiner Reisebericht:

Wir sind supergut angekommen, vorgestern (Freitag abend) kurz nach 23:00 Uhr Ortszeit.

Unsere erste Etappe war Cuxhafen, nachdem wir um kurz nach 13:00 Uhr am Mittwoch in Hoheluft abgefahren waren, begann dann auch schon der nervigste Teil, da auf der B73 der Verkehr eher zäh floss. (Dies wird ein Bericht mit vielen Verkehrsmeldungen, ist wohl so, wenn man mit dem Auto unterwegs ist) Nach ein, zwei falschen Abzweigungen brach auch bald leichte Nervosität aus, als wir merkten, daß wir es nicht schaffen werden, 90 minuten vor Abfahrt der Fähre am Terminal zu sein. Mit viel Glück und ohne größere Pausen waren wir dann knapp 50 Minuten vorher da, – nur um dann bald zu merken, dass wir uns um eine Stunde (zu unseren Gunsten) verrechnet hatten.

Eine unserer Sorgen war auf dieser Fahrt schon aus dem Weg geräumt: die Ladung. Das Auto war so super gepackt, daß unsere Riesenladung weder beim Anfahren noch beim Bremsen (auch bei etwas aprupteren Manövern) irgendwie rutschte, klapperte, quitschte – das Auto war beladen sogar sehr viel leiser als leer… Auch hat das Auto nie irgendwie gemuckt (die eine oder andere Steigung wurde zwar etwas schwerfälliger genommen), aber Bremsen, Reifen und Motor waren mit unseren 1200 Kilo Zuladung bzw. 3to Gesamtgewicht zufrieden. Ein besseres Auto konnten wir wirklich nicht wünschen. Niemand wollte den Benz wiegen, niemand zweifelte an, daß wir ausschliesslich Urlaubsgepäck dabei haben. Unser Schwertransport sah auch wirklich nicht überladen aus, auf der Fähre sah man da ganz andere Kandidaten, die mit der hinteren Stoßstange fast auf dem Boden hingen. Und die hatten nicht, wie wir, Fenster, Türen, Ü–fen, Werkzeuge und so weiter an Bord.

Die Fährfahrt Cuxhafen-Harwich war sehr bequem, wir haben alle drei gut geschlafen und waren gut erholt für die Fahrt durch England. Wir hatte Ruhesessel gebucht, schliefen aber auf dem Fußboden auf Isomatten. Mit Johannes musste ich mir bei Pint of Holsten noch die Abendgala mit Linda-de-Mol billig Imitat geben, supergut. Trug im übrigen zu dem guten Schlaf (in dösiger Bier-Laune) trotz heftigen Gerassel in der Kabine bei.

Die nächste Sorgenstation war die Ankunft in Harwich, aber außer daß die junge Engländerin überseeischer Herkunft, die unsere Pässe kontrollierte, ganz versonnen in unseren Wagen blickte, passierte nix. Kein Zoll, keine Polizei, kein nix.

Die Henniesche Karte war ein wenig wenig hilfreich, da in ihr die ganzen Motorways, die in den letzten Jahr(zehnt)en gebaut worden sind, nicht verzeichnet waren. Mithilfe unserer internetgeplanten Routen gings aber ganz gut.

Nach Ankunft auf britischem Boden um 10:30 und dem Passieren vieler hilfreicher Schilder (“Links fahren!”) führte uns unsere Route (“Links fahren!”) erstmal Richtung London (A irgendwas – und übrigens “Links fahren!”), den nördlichen Orbit (M25) dran vorbei und dann auf der M1 und später der M6 Richtung “The North” und dann “The North-West”. Den Verkehr auf den britischen Straßen kann man total vergessen, wenns gut geht, ist es voll. Unser erster Versuch um etwa halb zwölf, auf der Fahrt irgendwo abzufahren um eine Pause zu machen ging etwas schief, da wir lange von der Autobahn wegfahren mussten, bis wir in der Stadt waren (Chelmsford), dann nicht richtig was fanden, um uns schliesslich zu entscheiden, lieber weiterzufahren, als noch mehr Zeit zu verlieren. Nächste Rast und dann auch endlich Frühstück war um 2pm im “Little Chef” auf einer der gigantischen Raststätten an der M1. Ein fettes “All-Day-Breakfast” mit lecker baked Beans, Ham and Eggs, Sausages (für Johannes die Linda-McCartney-Vegi-Sausages), Orangensaft, Toast, Tee bzw. Kaffee sorgte für angenehme Reiseschwere im Magen und wurde dadurch gekrönt, daß wir auf die ganze Rechnung mit Franz internationalen Studentenausweis 25% Rabatt bekamen.

Nach einem guten halben Tag Aufwärmzeit (wir saßen schwitzend der Sonne ausgeliefert) ließ sich der Benz auch auf leichten Bergabstrecken auf gut 100 km/h bringen, was uns aber um Birmingham nichts nützte, dort war stop-and-go angesagt, was dann auch für mich als einzigen Fahrer etwas anstrengend war. Die nächste Rast war dadurch schnell überfällig und fand wieder an einem Autobahnsuperdings statt. Da es schon nach vier Uhr war stellten wir uns bereits darauf ein, in einem Motel zu nächtigen, was impliziert hätte, daß Franz im Auto (etwas zusammengekrümmt) geschlafen hätte. Die Motelzimmer können mit einer oder zwei Personen belegt werden und kosten 50 Pound Sterling – die Möglichkeit 150 Mark zu sparen hätte dann auch das Auto bequem gemacht.

So kam es aber nicht, da wir uns auf dieser letzten Rast auch in den Besitz eines britischen Straßenatlas gebracht hatten und so eine Route abseits des Motorway Richtung Nordwestzipfel Englands einschlagen konnten. Auf dieser Karte sah der Ort Nantwich nah bei Crewe verlockend aus und eine halbe Million Kreisverkehre später (links Fahren und rechts gucken!) erreichten wir auch eine Straßenecke mit einem nett kitschig aussehenden Pub-Hotel, einem halbwegs vertrauenerweckenden Parkplatz und einem bezahlbaren B&B (25 Pound p.P. inkl. Breakfast). Nantwich stellte sich schnell als ein sehr hübsches altes Städchen mit einer malerischen Fußgängerzone und dem größten Nachtclub der ganzen Region heraus, 31 Pubs, viele mit Lifemusik und einem Publikum, das uns, Fish’n'Chips essend auf dem Marktplatz manch nette Aussicht bescherte. Dazu gehörte auch DJ-Musik im Pub unter unserem Zimmer. Allerdings nur bis Punkt elf, den merkwürdigen Britischen Gepflogenheiten sei Dank.

Briten waren nicht nur unserem Auto etwas reserviert gesonnen. So richtig kam man nicht ins Gespräch. Aber unsere Studie ergibt folgendes Bild: fettes, Essig-reiches Essen lässt den meisen Männern eine ungesunde Bleiche in Gesicht steigen. Sie harmoniert aber gut mit den weissen Fussbaltrikots. Wer keins trug kam etwas suspekt-anders rüber und musste damit rechnen, als Touri wie wir abgestempelt zu werden. So lässt sich vielleicht auch das Gewaltpotential englischer Hools erklären: Wer wirklich als Fußballfan gelten will, muss auffallen; notfalls mit Gewalt… Nun zu den gewaltig aufgedonnerten Frauen: sie müssen alle magesüchtig sein, so dürr kann man bei dem Essen nicht bleiben. Und wer es nicht ist, schert sich nicht drum. Klamotten sind dehnbar und vor Üœbergewicht gebrochene Stöckelschuhe reparierte MisterMint am Marktplatz gerade im Sonderangebot.

Das englische Frühstück ließ uns am Freitag um 9am munter Richtung Wales starten (niemand hatte den Wagen aufgebrochen und somit zerschlug sich auch unsere letzte Sorge), erst wieder bis Chester Landstrassen und Kreisverkehre, dann Autobahn Richtung Holyhead. Wales ist ja doch etwas hügeliger und mit 120 bergab, bzw. 65 bergauf stellten wir dann neue Geschwindigkeitsrekorde auf. Das Auto ließ sich weniger den Bedingungen anpassen als ich es für nötig gehalten hatte. Manchmal musste ich die Tachonadel bei Vollgas wehrlos gegen 60 km/h sinkend beobachten. Trotzdem: unsere Planung war so gut, daß wir mittags mit Llandudno noch ein mondänes walisisches Bad mit einem gigantischen Kiesstrand besuchen (und Franz und Johannes ein Bad in der irischen See nehmen) konnten, bevor wir in Holyhead und an der Irlandfähre ankamen. Dort der erste Kontakt mit Iren: Eine pompöse Lautsprecherdurchsage verkündete, dass die Busfahrt von der Fähre nach Dublin nicht mit Sterling sondern ausschliesslich mit Euro zu bezahlen sei. Auch wenn der Euro hier eine Preissteigerung gebracht hat (stellt jeder Ire fest, lacht aber trotzdem nur drüber – scheiss egal), ist der Euro eine weitere Unabhängigkeitserrungenschaft gegenüber England.

Die Ankunft in Dublin war etwas spannend, da wir auf der letzten Tankreserve fuhren (geplanterweise, um nicht in England 1€40 fürs Diesel ausgeben zu müssen), aber noch im Hafengebiet fanden wir natürlich eine Tankstelle. Dort brachten wir auch die auf der Fähre gekaufte irische Fahne am Wagen an (zugegeben etwas klischeehaft), was uns im folgenden halbstündigen Stau auf den Liffey-Quais, die man durch Dublin fahren muß, noch etwas extra Aufmerksamkeit brachte. An der O’Conell-bridge machten wir nocheinmal Pause mit late Lunch (es war schon etwa halb sieben abends) beim Burger-King, Leute gucken, Franz kaufte eine irische Prepaid-Handy-Karte, wir zahlten brav unseren Parkschein und gaben dem fast unverständlichen zahnlosen Uralten, der auf unser Auto aufpasste einen Euro (“daddeldu”). Zwei weitere Begegnungen, die die Iren spontan sehr sympatisch machten.

Etwas spät gings dann aus Dublin raus, auf den irischen Straßen begann dann auch das klappern und quietschen im Auto – wie wir gestern feststellen konnten, macht es die gleichen Geräusche auch im Leerzustand. Wir hatten wirklich das am besten nur denkbar gepackte Auto.

Später dann schon im Dunklen noch hier ein falscher Abzweig und die obligatorische ich-missachte-mal-die-”Links fahren!”-Hinweise von gestern (allerdings an völlig ungefährlicher Stelle), etwas nervende Scheinwerfer, die auf der “falschen” Seite entgegenkommen und kurz vor Castlerea noch mal eine Pause mit Beinevertreten in der frischen irischen Nachtluft und der Reparatur eines Rücklichtes. Dazwischen der verzweifelte Versuch, Bier zu kaufen in lauter Läden, die keine “Off-Licence” haben und daher kein Bier verkaufen dürfen, wohl aber ein riesiges Weinregal haben. Erst bei Angelas Pub in Garanlaghan (sprich Granlachen, hier um die Ecke) konnten wir ein sechs Dosen für fünfzehn Euros glücklich erwerben. Unser Umtrunk nach Ankunft und zwei Stunden aufräumen und säubern war damit gesichert und dringend vonnöten. Die Nationalstrassen haben den Charakter von Kollases Dorfstrasse, die Strasse zum Haus ist über drei Kilometer einspurig und schlecht einzusehen.

Das Haus von Johannes und Franz lässt sich am besten mit einer Positivliste beschreiben, das geht schneller. Wir haben drei Räume plus Küche, plus Bad. Die Wände sind etwas feucht. Wir haben fliessend Kalt-Wasser (Warmes ausschliesslich von über dem Torf-Feuer und aus dem Wasserkocher), zwei Kochplatten, einen kleinen Ofen (dank Tchibo-Angebot), drei Metallbetten, sehr viele Klappstühle, zwei Regale, einen Schrank und zwei Schuppen. Dann hört es aber auch bald auf. Aber dies eher spartanische Haus macht den Blick frei auf echte irische Qualitäten: Bilderbuchlandschaften, alte, klapprige Trekker und Bauern, graue riesige Wolken (die nicht immer Regen verheissen) und pralle Sonne, die gegen den starken Wind kaum Wärme bringt.

Gestern haben wir weiter aufgeräumt und den Wagen ausgeräumt und gesaugt, waren in Ballyhaunis einkaufen (premiere – zum ersten mal in einem Supermarkt auf einmal 150€ ausgegeben) und haben Antrittsbesuche bei Joeseph und Eilish und Grace (Kathleen war auf dem Sprung zu einer Ladiesnight) gemacht und später noch bei Frank und Vincent. Eigentlich begegnen einen die Nachbarn nicht sehr offen. Wenn man aber (nach sehr kurzer Zeit) erst mal warm geworden ist und (nach langer Zeit) den irischen Akzent versteht, wird man herzlich und sehr gastfreundlich (Vincent grüsste mich heute spassig mit “Hi Sir Daniel! How’s d’ day”) Dazu trägt natürlich der echte irische Whiskey bei, den man nach einem “Lager”-Dosenbier und einem schwarzen Tee serviert bekommt.

Heute war dann wirklich ausschlafen angesagt, faul sein und email schreiben. Jetzt sitze ich am Feuer mit einem Whiskey, schicke die letzte Mail ab. Morgen gehts nach Galway zu “Woodys” und “Atlantic Homecare”. Ein paar Dinge habe wir leider in Hamburg vergessen, mal sehen ob man die da bekommt. Und exklusives Touri-Programm für mich. Melde mich dann später noch mal…

Irische Grüße
Daniel


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