irisches tagebuch – band 2
Von: Daniel Röhe [daniel@roehe.de]
Gesendet: Freitag, 23. August 2002 01:27
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Betreff: Irisches Tagebuch – Band 2
Hallo Ihr Lieben, schweren Herzens schreibe ich den zweiten Teil des Reiseberichts, denn heute soll schon mein letzter Tag in Irland zuende gehen. So sitze ich vor unserem eben eingebauten Balkontür und schaue auf diese unverwechselbaren Wiesen und Knicks (von denen einige aus Büschen und Bäumen bestehen und andere sich einfach aus Feldsteinen wie chinesische Minimaurern über Kilometer durchs Land ziehen). Warum mein Herz so schwer ist zu erklären die große Aufgabe dieses Berichts.
Nachdem wir am Sonntag an der Wohnlichkeit dieses Hauses gearbeitet haben (die letzten Asseln und Spinnen verbannen und einige IKEA Utensilien anbringen), starteten wir am Montag den Spagat zwischen Sightseeing und Baustoffe kaufen. Wobei dies eigentlich kein großer Spagat war, denn jeder Einkauf brachte uns mehr und mehr dem irischen Leben näher. Selbst die schwierigsten Fragen (zum Beispiel nach Bauholz) wurden mit viel Ruhe beurteilt und sehr hilfsbereit zu lösen versucht. Aber dazu auch später mehr. Wir reisten eine gute Stunde in das weite Galway. Der Nachbar Vincent musste überlegen, ob er schon mal da war. Er und sein Bruder Frank mussten dann aber feststellen, dass sie noch nie da waren. Galway ist die am stärksten boomende Stadt Europas, es gibt aber kein Haus mit mehr als drei Stockwerken. Im übrigen sind fast alle Nationalstrassen (es gibt keine Autobahnen) zu “80% part financed from the European Union”. Wenn Schröder wüsste, was die Iren daraus bauen, würde er alle Fördermittel einfrieren oder deutsche Teertrupps für Irland abstellen. Der so schon klapprige Benz machte in Folge von Erschütterungen einige Konversationen unmöglich. Zurück zu Galway. Das Städtchen pulsiert, zumeist durch viele Touristen, besonders in dem malerischen Hafenviertel. Ein Pub reiht sich an den anderen. Das Frank und Vincent noch nicht da waren ist klar: too busy (O-Ton). Das Auto durfte auf dem Parkplatz nur mit “parking disk” stehen. So legten wir unsere “parking disc” in die Windschutzscheibe und bekamen trotzdem ein Ticket. Aufregung machte sich breit und leicht wütend machten wir den Officer aus. Eigentlich interessierten ihn unsere Unschuldserklärungen gar nicht, wir sollten doch das Ticket nicht beachten, in dem Laden eine “parking disc” für 75 Cent kaufen und die kommende Stunde noch mal nutzen. Die muss man nämlich jedes Mal lösen, wenn man dort parken möchte.
Mit schwer beladenen Auto machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause. In Deutschland hätte uns jeder schräg angeguckt, hätte man dieses Auto gesehen. In Irland interessierte das eigentlich niemanden. Frank und Vincent begrüssten uns gleich (How are you? – Not so bad – Nice weather) und wollten auch nur wissen ob Galway busy war. Die positive Antwort bestärkte ihren Sinn, Galway nicht sehen zu müssen. Die Beiden sind alte Brüder, wohnen nebenan und bestellen das umliegende Land. Sie verstehen wohl ihr Handwerk, vor 9h und nach 17h zu arbeiten ist aber nicht ihr Stil. Ein Hinweis auf den platten Anhängerreifen wurde mit der Antwort versehen, er sei ja gerade aufgepumpt. Also OK. Sie begrüssen mich gerne mit Sir Daniel. Typisch irisch sind freundliche Komplimente (wie dieses) verbunden mit einem ironischen Unterton oder Nachsatz. Gerne wird übers Wetter gesprochen. Das kann man auch lange tun. So sagte ich, dass ich dachte, in Irland würde es immer Regnen und wies auf meinen Sonnenbrand hin. Frank meinte lächelnd “they told you lies”.
Am folgenden Tag machten wir uns auf den Weg zur Atlantik-Küste und der “Galway Bay”. Eine lange und heisse Tour auf den holprigen Strassen, einigen Pausen an idyllischen, ruhigen Plätzchen, in Richtung “Cliffs of Moher”. Gerne wird in Irland getrampt. Auf der Hinfahrt wohnte uns ein besoffener Franzose bei, dessen schlechtes Englisch in Folge des Alkoholkonsums noch schlechter war. Nach dem Besuch der imposanten Klippen nahmen wir auf der Rückfahrt durch “The Burren” ein belgisches Pärchen mit in die Galway City. Dort mussten wir feststellen, dass der Baustoffhandel schon um 17:30h schließt, alles andere wäre ja “too busy”. Nach irischer Manier verschoben wir den Einkauf unbesorgt und legten uns in den Galwayer Hafen.
Mittwoch setzten wir unsere Renovierungsanstrengungen am Haus fort. Zwischendurch fuhren wir noch zu zwei Brüdern ungefähr drei Kilometer entfernt. Ihr Horizont reicht vielleicht über drei Felder, sie konnten unser Haus nicht zuordnen. Der Eine fragte, ob wir aus England seien. “Ah, from Germany [Pause] anyway, you`re welcome”. Der Andere titelte mich “man of the week” weil ich zwei von den Betonsteinen schleppte, wo man ja auch einen schleppen kann. Ihn imponierte nicht meine vermeintliche Stärke sondern mein geradezu stressiges Gehabe. Darüber hinaus lernten wir, dass deutscher Zement, der ja nur mit Wasser angerührt werden muss, viel zu schlecht ist. Diesen irischen Zement würden wir schätzen lernen. Auf dem Weg zu ihnen erkundigten wir uns bei einem Nachbarn. Er zeigte uns sofort seine Pilzfarm, was nicht direkt unsere Absicht war, und schenkte uns nach dem typischen Gespräch gleich einen seiner schönsten Körbe mit Pilzen.
Am Nachmittag brachten Johannes und ich die Post weg und kauften Brot für unsere Sandwich. Alles wird hier in einem kleinen Lädchen von einer Frau übernommen, die nächstes Jahr in Rente geht. Sie wird jährlich auf dem großartigen Dorffest (das eine Woche lang den Pub füllt) zur bestgekleidetsten Frau gekürt. Sie lobte mein “clear english” und fragte mich ob ich verheiratet sei. Nein, erwiderte ich und sie legte mir Nahe, mir ein “nice irish girl” zu suchen.
Gestern hätte uns eigentlich endgültig klar werden müssen, dass wir dem irish way of living völlig verfallen waren. Wir begannen den Kamin zu reparieren (was wir auch zuende führten) und die Balkontür einzusetzen. Die Balkontür bereitete uns aber so viel Kopfzerbrechen, dass wir den Einbau nach Sonnenuntergang auf heute verschieben mussten. Auf dieser Reise ist es wie auf jeder anderen: die Tage sind zu kurz. So mussten wir noch die restlichen Baustoffe kaufen und das Haus etwas aufklaren. Und ich musste meine Sachen packen. Der letzte Pub-Besuch hat das schreiben dieses Berichtes unterbrechen müssen. Inzwischen liegen wir auf meinem Nachtlager vor dem Feuer. Morgen früh geht es um sieben auf die Strasse gen Dublin. Völlig unirische Zeit, deshalb werde ich wohl der einzige sein. Es hätte wohl noch viel zu erleben gegeben. Aber nun muß ich mich auf die viertägige Heimfahrt durch England begeben (“Like this wall the kingdom will fall” stand an einer Strasse). Auf der Fahrt werde ich wohl die irische Fahne am Auto reinholen müssen. Aber das irische Tagebuch soll noch seine Fortsetzung finden. daddldo no harm…
Bis bald
Euer
Daniel
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- Published:
- 23.08.02 / 9pm
- Category:
- urlaub
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